FI PU Firmenarchiv Papierfabrik Utzenstorf AG, 1865-2017 (Bestand)

Archive plan context


Ref. code:FI PU
Title:Firmenarchiv Papierfabrik Utzenstorf AG
Creation date(s):1865 - 2017
Bestandesgeschichte / Charakterisierung:Zur Geschichte der Firma
Die Anfänge der Papierfabrik Utzenstorf reichen bis 1865 zurück. Damals errichtete Benedikt Ziegler, der in Kriegstetten eine Papierfabrik betrieb, die erste Holzschleiferei der Schweiz in Bätterkinden, 1870 eine zweite im Hagerhüsli, die zusammen als 'Holzstoff-Fabriken an der Emme in Bätterkinden' firmierten (kurzfristig 'Holzstoff-Fabriken an der Emme und der Rhone'). Daraus entstand am 5. März 1892 die Papierfabrik Utzenstorf, gegründet von 96 Aktionären. Am 17. Juni 1892 wurde mit dem Bau der Fabrik begonnen und am 19. Mai 1893 wurde die erste Papiermaschine in Betrieb genommen. Nach einem Hochwasser 1896 war die Maschine für mehrere Monate betriebsunfähig. 1899 konnte eine zweite Papiermaschine in den Betrieb gehen. Aufgrund fehlender Aufträge war ein durchgehender Betrieb nicht möglich.
1902 ging die Papierfabrik Utzenstorf Konkurs. Die Kantonalbank Bern ersteigerte die Anlagen und die Fahrhabe und am 26. November 1902 fand die konstituierende Generalversammlung der neuen Gesellschaft statt. 1906 erfolgte die direkte Gleisanbindung an die Station Wiler der Emmentalbahn-Gesellschaft. 1908 konnte die Produktion auf 5'000 Tonnen erhöht werden.
Nach dem Ersten Weltkrieg musste die Produktion wegen Kohlemangels gesenkt werden. 1921/22 sank die Produktion wegen der Wirtschaftskrise auf 3'200 Tonnen. Die Preise sanken um 55%. 1929 wurde eine neue Holzschleifmaschine gebaut und die Fabrik spezialisierte sich auf Zeitungspapier. Der Personalbestand betrug 211 Mitarbeitende. 1935 erwarb die Papierfabrik Biberist die Aktienmehrheit von Utzenstorf Papier. Ab 1939 wurde in Utzenstorf ausschliesslich Zeitungspapier hergestellt.
Im Zweiten Weltkrieg konnte weiter produziert werden und die Schweiz hatte immer genügend Zeitungspapier. Nach dem Krieg stieg der Bedarf sprunghaft an. 1949 wurde in Amerika eine neue Papiermaschine eingekauft. Die Produktion konnte damit auf 30'000 Tonnen pro Jahr gesteigert werden. 1957 wurde auch die Papiermaschine PM2 ersetzt. Die neue Maschine lief im Dreischichtbetrieb und es wurden 56'000 Tonnen pro Jahr produziert. Der Personalbestand betrug 220 Personen.
Angesichts schwieriger Marktverhältnisse hatte Direktor Gustav Sieber seit 1927 die Rationalisierung des Betriebs vorangetrieben: Bei der Fabrik wurde eine neue Holzschleiferei errichtet und die beiden alten Schleifereien zu Kraftwerken ausgebaut. Der steigenden Nachfrage in der Nachkriegszeit begegnete die Papierfabrik mit kontinuierlicher Modernisierung: 1947/49 neue Papiermaschine 1 und Anpassung von Dampfkesselanlage, Entrindungsanlage und Schleiferei, 1953/55 Modernisierung der Energieversorgung, 1954/60 neue Papiermaschine 2 und entsprechende Anpassungen, 1961/64 neue Papiermaschine 1 und entsprechende Anpassungen, 1964 Bau einer Anlage zur Altpapieraufbereitung, 1966 Ausbau der Schleiferei und weitere Modernisierung der Energieversorgung. Von 1947 bis 1967 stieg die Produktion von 17'000 auf 90'000 Tonnen Papier.
1961 startete man erste Versuche mit Altpapier. Um der hohen Nachfrage gerecht zu werden, wurden die Arbeitsgeschwindigkeit erhöht, die Fabrikhalle vergrössert und die Holzschälerei modernisiert. 1970 wurde beschlossen, den Altpapiereinsatz zu erhöhen. Die Fabrik erwarb dafür die Mehrheitsanteile der Lerch AG, die im Altpapierhandel tätig war. 1973 übernahm man die Lerch AG und begann mit dem Bau eines Altpapiersortierwerks in Utzenstorf. Altpapier wurde als Ersatzrohstoff für Holz immer wichtiger. Die Preise für Altpapier stiegen jedoch stark an. Im ersten Jahr setzte das Altpapiersortierwerk 10'700 Tonnen Altpapier um.
1974 wurde eine neue Wasserreinigungsanlage in Betrieb genommen. Im selben Jahr trat auch ein neuer Gesamtarbeitsvertrag in Kraft und die wöchentliche Arbeitszeit sank von 48 auf 45 Stunden und es waren mindestens 3 Wochen Ferien vorgesehen. 1982 erhöhte sich der Ferienanspruch auf vier Wochen.
1980 wurde die Papiermaschine PM 2 «Lisa» in Betrieb genommen und die Produktion konnte auf 130'000 Tonnen erhöht werden. Der Altpapieranteil betrug 10%. Ebenfalls 1980 wurde ein neues Werkstattgebäude erbaut. 1984 wurden 41'800 Tonnen Altpapier pro Jahr umgesetzt. 1986 wurde die erneuerte Papiermaschine PM 1 «Mona» in Betrieb genommen und die Produktion erhöhte sich auf 150'000 Tonnen pro Jahr. Die Namensgebung für die Papiermaschinen ging aus einem Schülerwettbewerb hervor. Der Personalbestand steig auf 376 Mitarbeitende.
1990 wurde die Altpapier-Dispergeranlage in Betrieb genommen und der Umbau des Verwaltungsgebäudes abgeschlossen. Aus der Lech AG wurde die Altpapierwerk Utzenstorf AG. 1992 wurde in einer Krisenzeit das 100-jährige Jubiläum gefeiert. Aufgrund einer wirtschaftlichen Flaute war der Papiermarkt rückgängig und wegen grossen Überkapazitäten auf dem europäischen Zeitungspapiermarkt wurden erbitterte Konkurrenzkämpfe geführt. 1993 aber konnte ein Produktionsrekord gefeiert werden: Innerhalb von 24 Stunden produzierte man erstmals 550 Tonnen verkaufsfähiges Papier. Im selben Jahr konnte eine neue Rinden- und Schlammverbrennungsanlage in Betrieb genommen werden. Der Personalbestand musste aufgrund der schwachen Wirtschaftslage auf 270 reduziert werden.
1995 wurde die zweite Altpapieraufbereitung APA 2 eingeweiht. Der Altpapieranteil in der Papierproduktion stieg teilweise auf 100%. Im selben Jahr erfolgte die Fusion mit der Papierfabrik Biberist zur Papierfabrik Biberist und Utzenstorf. 1996 ging die Biber Holding Konkurs. 1997 wurde die Papierfabrik Utzenstorf durch die Myllykoski Corporation und die Papierfabrik Biberist durch Metsä-Serla übernommen. 1998 wurden zum ersten Mal Papiertechnologen-Lehrlinge ausgebildet. Das Altpapierwerk wurde weiter ausgebaut.
Der Papierbedarf stieg wieder an. 2001 wurde die Fabrik in die Lang Utzenstorf Gruppe eingebunden. Die Jahresproduktion erreichte 183'420 Tonnen. Der Papierverbrauch war jedoch rückläufig. 2002 wurden die beiden kleinen Wasserkraftwerke Hagerhüsli und Bätterkinden verkauft. Die Lang Utzenstorf Gruppe wurde mit MD Papier zusammengeführt. 2004 wurde ein Produktionsrekord von 201'594 Tonnen Papier erreicht. Der ARA-Ausbau wurde im selben Jahr beendet; man hatte damit eine der modernsten industriellen Kläranlagen der Schweiz.
2005 wurde Utzenstorf Papier in die Myllykoski Continental Group eingebunden. Es wurde eine Kartontrennanlage eingebaut. Der Personalbestand betrug 281. 2009 hat das Management mittels Management-Buy-Out die Papierfabrik Utzenstorf AG von der Myllykoski Corporation übernommen. Ein komplett neuer Auftritt mit neuem Logo wurde eingeführt. 2016 konnte ein Neufinanzierung mit neuen Investoren gemacht werden. Die Geschäftsleitung wurde auf vier Personen reduziert, Alain Probst wurde neuer Geschäftsführer.
Die Zeitungsproduktion in Utzenstorf wurde per Ende 2017 eingestellt. 220 Mitarbeitende verloren ihre Arbeit. Die Perlen AG übernahm das Altpapiergeschäft. 2019 bis 2022 wurden die Gebäude auf dem 230'000 Quadratmeter grossen Areal abgerissen. Dokumentiert vom Fotografen Hans Hofmann. Die Firma wurde 2023 liquidiert.


Bestandesanalyse
Den grössten Teil des Bestands machen Protokollserien, Geschäftsjahresdossiers und Buchführung aus. Die Protokolle der Generalversammlungen sind vor 1941 lückenhaft überliefert, die Protokolle des Verwaltungsrats vor 1940 mit kleineren Lücken. Einen hohen Informationsgehalt weisen die in verschiedenen Serien vorliegenden Geschäftsjahresdossiers auf. Die Buchführung ist umfangreich jedoch ebenfalls lückenhaft überliefert und deckt v.a. die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ab. Besonders informationsreich ist FI PU 156 mit ausführlichen Dokumentationen und Statistiken. Beim Bildmaterial sind die gut 200 Glasnegative und die ausführliche Dokumentation der Neu- und Umbauten von 1947–1949 (v.a. FI PU 173, 174 (4)-(6) und 179) sowie der neuen Papiermaschine PM1 im Jahr 1986 (FI PU 332 und 350) und Fotografien von Mitarbeitenden im laufenden Betrieb (FI PU 328 und 344) hervorzuheben. Mit Blick auf die Firmenkultur historisch interessant sind die Fotoalben der Mitarbeitendenausflüge.

Erschliessung
Der Bestand wurde 2011 und 2022 aus verschiedenen Räumlichkeiten der Papierfabrik zusammengetragen und der Burgerbibliothek Bern geschenkweise übergeben. Ausser Doubletten wurde nichts kassiert.

März 2014, Thomas Schmid
Juni 2023, Simone Desiderato, Archivgut Desiderato Kauz GmbH
Umfang:14,5 Laufmeter
Link:Website

Bestandesbeschreibung

Person:Bestandsbildner / Bestandsbildnerin: Papierfabrik Utzenstorf AG (Firma)
City:Utzenstorf (BE)
Bibliographie:Bätterkinden (2011); S. 259-262
Papierfabrik Utzenstorf (1967)
Legal form:Juristische Person
Level of description:Detailliert
Finding Aid Form:Digital
Quality of finding aid:Vollinventar
Level:Bestand
 

Descriptors

Entries:  Papierfabrik Utzenstorf AG (Firma) (Personen\Juristische Personen\P)
  Bätterkinden (2011) (Bibliographie/Nachschlagewerke\B)
  Papierfabrik Utzenstorf (1967) (Bibliographie/Nachschlagewerke\P)
  Utzenstorf (BE) (Orte\Sch\Schweiz (CH)\Bern (Kanton))
 

Containers

Number:5
 

Usage

Permission required:Keine
Physical Usability:Uneingeschränkt
Accessibility:Öffentlich
 

URL for this unit of description

URL:https://katalog.burgerbib.ch/detail.aspx?ID=198868
 

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